Der Kanon

Der Kanon ist eine Musikform, die auf der Imitation einer Anfangsmelodie basiert und trotz ihrer scheinbaren Einfachheit eine hohe Komplexität aufweist. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Regel“ oder „Gebot“. Dabei wird die Melodie von einer Hauptstimme (dux oder antecedent – Führer) vorgegeben, und eine oder mehrere Nebenstimmen (comes – Begleiter) folgen mit einer zeitlichen Verzögerung. Diese Stimmenüberlagerung erzeugt einen kontrapunktischen Klang, bei dem jede Melodie unabhängig bleibt, aber harmonisch miteinander verwoben ist.

Vom Einfachen zum Komplexen

Johannes Tinctoris, ein einflussreicher Musiktheoretiker des 15. Jahrhunderts, beschreibt den Kanon als „eine Regel, die die Absicht des Komponisten hinter einer gewissen Unklarheit offenbart“ (regula voluntatem compositoris sub obscuritate quadam ostendens). Diese Definition hebt den rätselhaften Charakter des Kanons hervor: Der Interpret muss die kompositorischen Absichten durch manchmal schwer verständliche Hinweise entschlüsseln.

Die Vielfalt der kanonischen Techniken ist ein Spiegelbild der Kreativität der Komponisten. Der einfache Kanon, die grundlegende Form, besteht aus einer exakten Imitation im Unisono oder in der Oktave – ein Beispiel hierfür ist das bekannte Kinderlied „Bruder Jakob“ (Frère Jacques). Doch die Komponisten gingen weiter und nutzten den doppelten Effekt des Kanons: Einerseits erscheint er einfach, da immer dieselbe Melodie wiederholt wird, andererseits verbirgt sich hinter dieser Einfachheit eine subtile kompositorische Lösung. Besonders in anspruchsvolleren Formen, wie den „Proportionskanons“, wird für jede Stimme eine unterschiedliche Spielgeschwindigkeit eingesetzt.

Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist Josquin des Prés’ Missa L’homme armé super voces musicales.

Eine interessante Variante ist der Krebskanon (cancrizans), bei dem die Melodie rückwärts gespielt wird – à l’écrevisse. Johann Sebastian Bach greift diese Technik in seinem Musikalischen Opfer (BWV 1079) auf.

Eine weitere Form ist der Spiegelkanon, bei dem die melodischen Intervalle umgekehrt werden. In dieser Technik übernimmt die zweite Stimme die Melodie der Hauptstimme, kehrt jedoch die Richtung jedes Intervalls um: Steigt die Hauptstimme, sinkt die Imitationsstimme, und umgekehrt.

Kanone : Symbol musikalischer Rätsel

Im 15. und 16. Jahrhundert entstand eine starke Faszination für verschlüsselte Formen wie Rätsel, Denksportaufgaben und Symbole, die alle Künste durchdrang. Musik wurde zu einem bevorzugten Experimentierfeld für solche Rätsel. Die Komponisten nutzten verbale Anweisungen in Latein, die sich auf biblische, klassische oder philosophische Quellen stützten, um den Interpreten zur Lösung zu führen. Gleichzeitig bereicherten visuelle Symbole und allegorische Bilder die Partitur und verwandelten die Notenschrift in eine visuelle Kunst.

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